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 Ansprache Sathya Sai Babas am 19.02.2004


Shivarâtri (morgens)


Vâjashravas Sohn, Naciketas, betete zu Yama
[1], er möge ihn die Erkenntnis des Selbst (âtmavidyâ) lehren. Daraufhin erklärte Yama: „Höre, du Sohn der Unsterblichkeit! Verbinde dich als erstes mit der Quelle, aus der du in die Welt gekommen bist.“ Außerdem riet er Naciketas, da der Körper vergänglich wie eine Wasserblase ist und Gedanken und Gefühle flüchtig sind, beide aufzugeben, das heißt: man solle ihnen keine Bedeutung beimessen, sondern sich bemühen, die zugrunde liegende Wahrheit zu verwirklichen.

Sein Haupt mit der Mondsichel geschmückt,
das kühle Gangeswasser durch
die verfilzten Locken fließend,
das strahlende (dritte) Auge mitten auf der Stirn,
der purpurne Nacken gleich
einer Brombeere schimmernd:
So hat der Herr von Kailâsa
[2]

seine göttliche Gestalt manifestiert.
Er trägt Schlangen als Armreifen
und einen Schlangengürtel,
sein gesamter Körper ist
mit Vibhuti eingerieben,
seine Stirn ziert ein Punkt
aus (rotem) Kumkum,
seine rötlichen Lippen
leuchten vom Betelsaft,
an seinen Ohren schwingen
mit Diamanten bestückte goldene Ohrringe
und sein dunkelhäutiger Körper
erstrahlt in göttlichem Licht.
Darüber hinaus verkündete Yama:
„Naciketas! Du musst nicht nach Shiva suchen;
er ist in dir selbst gegenwärtig.“

Liebe Schüler, Studenten und Devotees!

Ihr müsst die wahre Bedeutung des Shivarâtrifestes und die dem Fest zugrunde liegende Philosophie verstehen. Erkennt vor allem, dass ihr nicht der vergängliche, unbeständige Körper seid. Ihr müsst diese gegenständliche Welt mit dem Auge der Weisheit (jnâna cakshus), nicht mit dem physischen Auge (carma cakshus) betrachten. Tiere, Insekten, Vögel und wilde Tiere sehen diese Welt mit ihren physischen Augen. Welcher Unterschied besteht zwischen euch und jenen Lebewesen, wenn auch ihr diese äußere Welt nur mit physischen Augen betrachtet? Ihr werdet dann auf der Stufe eines Tieres, Vogels, wilden Tieres oder Insektes bleiben und unfähig sein, euer wahres Wesen zu verwirklichen, welches jenseits der physischen Welt liegt. Ihr müsst die transzendentale Wirklichkeit erfassen, die jenseits des Körpers und der Gedanken- und Gefühlswelt liegt. Dies ist nur mit dem Auge der Weisheit möglich. Der Körper gleicht einer Blase im Wasser; eines Tages wird sie verschwinden. Ihr seid nicht der Körper, der geboren wird, wächst, verfällt und schließlich stirbt. Deshalb gab Yama Naciketas die Anweisung, âtmatattva – die Natur, das Wesen Atmans – zu verwirklichen, welches weder geboren wird noch stirbt.

Jetzt erhebt sich die Frage, was Atman ist? Atman ist formlos, unendlich, unbeschreiblich und unermesslich:

Eigenschaftslos, rein, der höchste Wohnort,
ewig, makellos, erleuchtet, frei,
die Verkörperung der Heiligkeit.

Dieses âtmatattva wohnt jedem Individuum, nein, jedem Wesen in Gestalt des Bewusstseins inne. Nur wenn ihr dieses Bewusstsein verwirklicht, wird euer Leben als Mensch bedeutungsvoll sein und einen Sinn haben. Die Erforschung weltlicher Angelegenheiten ist bedeutungslos und ein nutzloses Unterfangen. Yama forderte Naciketas auf, das Prinzip zu erkennen und zu verwirklichen, welches einen, wenn einmal erkannt, auch alles andere erkennen lässt. Der Körper wird geboren, wächst, stirbt und verfällt. Der Atman hingegen besitzt nicht diese Eigenschaften. Der Atman ist der ewige Zeuge von allem in diesem Universum. Verwirklicht deshalb âtmatattva, das Wesen des Atman. Dies lehrte Yama Naciketas.

Der Atman ist ewig und
wird nicht geboren noch stirbt er.
Er hat weder Anfang, Mitte noch Ende.
Er ist allgegenwärtig und der ewige Zeuge.

Schaut, hier leuchten viele Glühbirnen. Obwohl sie verschiedene Größen, Farben und unterschiedliche Kapazität besitzen, ist der Strom, der sich in ihnen als Licht manifestiert, ein und derselbe. Entsprechend ist in jedem Lebewesen dieselbe göttliche Kraft gegenwärtig und aktiviert es. Das ist âtmatattva. Ich erwähne oft die Begriffe satya – Wahrheit, dharma – Leben gemäß der von Gott gegebenen Ordnung, shânti – Frieden und prema – Liebe. Satya ist der Strom, dharma das Kabel, durch das der elektrische Strom fließt, shânti die Glühbirne und prema das Licht. Wenn ihr atmische Glückseligkeit (âtmânanda) erlangen wollt, müsst ihr satya und dharma folgen. Deshalb rief Bhârats alte Kultur die Menschheit dazu auf, die Wahrheit zu sprechen (satyam vada) und dharma zu praktizieren (dharmam cara). Aber was geschieht heute im Gegensatz zu diesem noblen Prinzip? Die Wahrheit wird getötet (satyam vadha) und dharma eingesperrt (dharmam cera). Nein, nein, das ist nicht menschlich! Sprecht die Wahrheit und verhaltet euch rechtschaffen.

Yama sagte zu Naciketas: „Dieser menschliche Körper, der einer Blase im Wasser gleicht, wird eines Tages zwangsläufig so wie diese „zerplatzen“. Verwirkliche deshalb âtmatattva, das wirklich und ewig ist. Âtmatattva könnt ihr nicht mittels eurer physischen Augen, sondern nur durch das Auge der Weisheit erkennen. Jetzt stellt sich die Frage: Was ist Weisheit (jnâna)? Geht es um materielles, weltliches Wissen oder um Wissen, das sich auf Dinge der Natur bezieht? Nein, keines von beiden.

Wahre Weisheit liegt in
der Erfahrung der Nichtdualität
(advaita darshanam jnânam).

Der Atman transzendiert Name und Form. Deshalb forderte Yama Naciketas dazu auf, âtmajnâna, die Weisheit des Atman, zu erlangen.

Heutzutage werden die Leute auf der Suche nach spirituellem Wissen verrückt. Sie probieren zig Disziplinen und Körperstellungen aus und nennen das spirituelle Disziplin. Aber nichts davon kann dazu beitragen, âtmajnâna, die Weisheit des Atman, zu erlangen. Das Wichtige ist selbstlose Liebe (prema). Sie ist der Strom, der allen Formen spiritueller Disziplin zugrunde liegt. Man muss die vergängliche Natur des Körpers (deha) erkennen und den Bewohner des Körpers (dehi) verwirklichen, der nichts anderes als der ewige Atman ist.

Der Körper besteht aus den fünf Elementen
und muss früher oder später vergehen,
aber der Bewohner des Körpers
wird weder geboren noch stirbt er.
Der Bewohner ist völlig ungebunden
und der ewige Zeuge.
Der Bewohner ist Gott selbst,
in der Form des Atman.

Das wahre ewige âtmatattva befindet sich im eigenen Körper. Es kann allein durch das Auge der Weisheit erkannt werden. Ihr müsst nach und nach die Bindung an den Körper aufgeben und Liebe und Bindung an den Atman, das göttliche Selbst, entwickeln Ihr glaubt, ihr wäret der Körper und bindet euch an ihn. Solange im Körper der Vorgang des Ein- und Ausatmens stattfindet, haltet ihr den Körper für euer Eigentum. Wenn dieser Vorgang aufhört, wisst ihr nicht, was ringsherum geschieht.

Obwohl der menschliche Körper vergänglicher Natur ist, lehrt er doch eine große Lektion: „So ’ham“. (Ihr seid nichts als das ewige âtmatattva). Wenn ihr einatmet, entsteht der Laut „so“, wenn ihr ausatmet, der Laut „´ham“. Einatmen repräsentiert Leben, ausatmen Tod. Ein Moment genügt, wenn ihr Leben und Tod überwinden wollt: Ihr müsst die Bindung an den Körper aufgeben. Ich demonstriere euch das tagein tagaus unmittelbar. Dieser Körper, den ich auf mich genommen habe, erfährt verschiedene Formen des Leidens. So wie ihr an körperlichen Gebrechen leidet, so leidet auch dieser Körper. Aber ich messe diesem Leid keine Bedeutung bei. Etliche Studenten und Devotees drückten ihre Sorge und Befürchtung aus, ich würde, während der Lingam aus meinem Körper hervorgeht, sehr leiden. Eure Befürchtungen sind zweifellos wahr, aber ich empfinde kein Leid. In Wahrheit erfahre ich nur dann Schmerz, wenn ich mich mit dem Körper identifiziere. Da ich nicht der Körper bin, leide ich keinen Schmerz.

Nehmt zum Beispiel dieses Taschentuch (Swami hält ein Taschentuch in seinen Händen). Solange ihr es als eures betrachtet, ergreift ihr es, wischt euch das Gesicht damit ab und legt es sorgfältig auf seinen vorherigen Platz zurück. Verwendet ihr das Taschentuch, wenn es schmutzig ist, nur weil es euch gehört? Nein, niemals, sondern ihr werft es sofort weg. Ebenso solltet ihr erkennen, dass ihr vom Körper verschieden seid und körperlichem Leiden keinerlei Bedeutung beimessen. Von all den Dingen, die ihr für euer Eigentum haltet, müsst ihr euch eines Tages trennen. Wenn ihr etwas nicht als euer eigen betrachtet, schmerzt es euch überhaupt nicht, es aufzugeben. Dieser Körper durchlief verschiedene Arten des Leids, kürzlich einen Bruch des Hüftknochens. Schließlich ist der Körper nur eine Anhäufung von Sinnesorganen (indriya). Was geschah, betraf nur den Körper und nicht mich. Wenn ihr diese Haltung einnehmt, findet ihr Frieden. Wenn beispielsweise eine Ameise über eure Hand läuft und ihr euch dort kratzt, verstärkt sich der Schmerz. Warum solltet ihr so sehr leiden, nur weil ein winziges Insekt wie eine Ameise über euren Körper krabbelt? Ihr leidet nur deshalb, weil ihr der Täuschung erliegt, ihr wäret der Körper.

Die Augen erblicken etwas, aber was sie sehen, ist vielleicht nicht wirklich, denn es verändert sich im Lauf der Zeit. Auch was die Ohren gehört haben, wandelt sich vielleicht nach einiger Zeit, und die Nahrung, die wir zu uns nehmen, verwandelt sich ebenfalls nach ein paar Stunden. Nichts in dieser Welt dauert an. Diese Wahrheit müsst ihr erkennen und nach dem forschen, was in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unverändert bleibt. Wenn ich euch diese Wahrheit lehre, indem ich große Sanskritverse und Mantren zitiere, könnt ihr diese einfache Wahrheit vielleicht nicht verstehen. Aber wenn ihr es in Bezug auf euer tägliches Leben erfahrt, werdet ihr es eher begreifen.

Als vor einiger Zeit mein Hüftknochen brach, wurde ich ins Krankenhaus gebracht. Die Ärzte planten eine größere orthopädische Operation. Ich sagte zu ihnen: „Ihr könnt tun, was immer ihr wollt; dieser Körper gehört euch. Ich bin nicht der Körper und unterstehe nicht der Herrschaft des Körpers. Ich bin Ich.“ Die Ärzte nahmen an diesem Körper einen größeren chirurgischen Eingriff vor. Aber ich litt keinerlei Schmerz. Welcher Schmerz auch immer entstand, nur der Körper litt, nicht aber ich. Wenn ihr ebenfalls die gleiche Einstellung entwickelt, werdet ihr keinerlei Schmerz empfinden. Reduziert deshalb nach und nach eure Bindung an den Körper.

Ihr alle führt irgendeine spirituelle Disziplin (sâdhana) durch. Was genau ist die wahre Bedeutung von Sâdhana? Spirituelle Übung besteht nicht bloß darin, Wissen über das Wesen des Körpers zu erlangen. In Wirklichkeit müsst ihr den Körper vergessen und euch auf die atmische Glückseligkeit konzentrieren. Wie erlangt ihr diese Glückseligkeit? Allein durch Liebe (prema, reine, selbstlose, göttliche Liebe). Wo reine Liebe ist, wird all euer Leiden beseitigt werden. Entfaltet deshalb reine, selbstlose Liebe. Angenommen, ihr trefft jemanden auf der Straße, der euch feindlich gesinnt ist. Wenn ihr ihn hasst, als euren Feind betrachtet und von ihm abrückt, entfernt ihr euch noch mehr voneinander. Wenn ihr ihn hingegen liebevoll mit den Worten: „Hallo, wie geht es dir?“ begrüßt, wird er natürlicherweise mit Liebe reagieren. So bleibt, wenn ihr euch gegenseitig liebevoll grüßt, kein Raum für weiteren Hass. So wie ihr anderen gegenüber empfindet, so empfinden auch sie. Dieselbe Idee ist in dem vedischen Spruch enthalten: Wie ihr empfindet, so wird es sein. Wir richten heute unsere ganzen negativen Empfindungen auf andere. Wir sollten jedoch niemandem gegenüber Feindseligkeit hegen. Egal, welche negativen Empfindungen existieren, sie sind nichts als vergängliche Wolken, die kommen und gehen. Die Sonne mag nicht sichtbar sein, wenn sie von dichten Wolken verdeckt wird, aber sobald die Wolken sich wegbewegen, ist die Sonne sichtbar. Entsprechend bleibt, wenn eure negativen Empfindungen sich zerstreuen, reine Liebe übrig. Durch Liebe könnt ihr alles in dieser Welt erreichen. In Wahrheit könnt ihr durch Liebe die ganze Welt unter eure Herrschaft bringen.

Die Leute behaupten, sie säßen morgens wie abends in Meditation. Aber welcher Art ist diese Meditation? Welchen Nutzen ziehen sie daraus? Wie lange hält die Wirkung an? Nicht einmal einen Augenblick. Denkt daran, alle weltlichen Dinge gleichen vorüberziehenden Wolken. Lasst euch deshalb nicht so sehr auf sie ein.

Caitanya Mahâprabhu ging einst, den göttlichen Namen singend, über den Marktplatz und tanzte in Ekstase. Ein paar Leute, die ihn sahen, hielten ihn für verrückt und nahmen ihm seine Mridanga weg, aber er nahm es nicht übel, sondern begann, den göttlichen Namen zu singen, während er die Zimbeln schlug. Die erzürnten Zuschauer nahmen ihm auch diese weg, aber das kümmerte ihn ebenso wenig. Er dachte, vielleicht gefiele Gott der Klang seiner Zimbeln nicht, und er beschloss, die Zimbeln nicht mehr anzurühren. So tröstete er sich selbst mit dem Gedanken, die ihm entwendeten Musikinstrumente erfreuten Gott nicht. Er glaubte, dass letztlich Gottes Wille vorherrsche. Von da an gab er alle weltlichen Bindungen auf und konzentrierte sich auf das Prinzip der Liebe (prematattva), das niemand ihm wegnehmen konnte. Man muss nach dem streben, was einem niemand wegnehmen kann, nämlich reine Liebe. Was auf ein Papier gedruckt ist, kann nicht vom Papier getrennt werden. Entsprechend sollte euer Herz wie reines weißes Papier und Liebe das Gedruckte darauf sein. Beide sind untrennbar. Entfaltet diese Liebe.

Wo immer ihr euch befindet,
ob im Wald, im Himmel,
in einer Stadt oder einem Dorf,
hoch auf einem Berg oder
mitten im tiefen Meer:
Liebe ist eure einzige Zuflucht.

Wo immer ihr sein mögt, die göttliche Liebe wird euch immer beschützen. Entwickelt diese Art von Liebe. Das ist wirkliche spirituelle Disziplin. Sâdhana hat nichts mit Geld, dhana, zu tun. Sâdhana steht für sâlokya (sich in der gleichen Sphäre befinden), sâmîpya (Nähe zu Gott), sârûpya (Gleichheit oder Ähnlichkeit mit Gott) und sayujya (Vereinigung, Verschmelzung mit Gott). Leider verstehen die Menschen heute nicht die wahre Bedeutung von Sâdhana, spiritueller Disziplin.

Schüler, Studenten!

Ihr lest dicke Bücher, die von den Älteren geschrieben wurden. Bloßes Lesen allein hilft jedoch nichts. Wenn ihr ein Buch (pustaka) lest, wird der Inhalt euren Kopf (mastaka) füllen, d. h. Buch und Kopf werden eins. Ihr solltet euch nicht damit zufrieden geben, sondern das, was im Kopf bewahrt wird, muss Zugang ins Herz finden, wo es für immer bleiben wird.

Verkörperungen des Göttlichen Selbst!

Der Atman ist göttlich. Vergesst diesen Gesichtspunkt niemals. Manche Menschen finden in körperlichen spirituellen Übungen Glück, aber die Freude daraus ist nur körperlich und ihr Wesen vergänglich. Alles, was der Zeit unterworfen ist, wird eines Tages zwangsläufig verschwinden. Ihr müsst euch an das binden, was dauerhaft, ewig und wirklich ist. Gottes Liebe ist jenseits aller Beschreibung. Sie ist unübertrefflich. Körperliche Liebe hingegen ist kurzlebig und mit körperlicher Beziehung verbunden. Was immer mit dem Körper zu tun hat, kommt und geht. Reine und selbstlose Liebe hingegen, die aus dem Herzen hervorgeht, kommt und wächst. Diese Liebe müsst ihr entfalten. Sie wird nie weniger werden. Diese Liebe braucht ihr euch nicht von jemandem zu erbetteln noch könnt ihr sie auf dem Markt kaufen, denn sie ist keine käufliche Ware. Gott ist die einzige Quelle, aus der Liebe fließt. Sie ist nur in seinem „Geschäft“ erhältlich. Findet deshalb einen Weg heraus, ihn (Gott) zu erreichen. Leider streben die Menschen heutzutage nicht danach, diese reine Liebe zu erhalten, obwohl sie der Quelle dieser Liebe sehr nah sind. Sie erkennen noch nicht einmal, dass diese unschätzbare Gabe direkt vor ihnen erhältlich ist. Die Menschen verzehren sich nach weltlicher Gunst und weltlichen Dingen und glauben, diese zu besitzen würde ihnen großes Glück bringen. Nein, diese können niemals wahres Glück bringen. Das aus weltlichen Dingen entstehende Glück ist vergänglich. Allein Gottes Liebe ist das ewige Prinzip. Liebt deshalb diese göttliche Liebe. Ihr könnt sie nur von Gott und nirgendwo sonst erhalten.

Gott unterliegt weder Geburt noch Tod,
er hat weder Anfang noch Ende.
Er ist in allen Wesen als
der ewige Zeuge gegenwärtig.

Gottes Liebe ist die einzige Wahrheit. Sie wird sich nie wandeln. Verehrt diese unwandelbare Wahrheit. Nehmt zu dieser Wahrheit eure Zuflucht. Das ist die einzige wahre spirituelle Disziplin, um Befreiung zu erlangen. Was ist unter moksha, Befreiung, zu verstehen? Bedeutet es, oben im Himmel in irgendeinem Schloss in klimatisierten Zimmern zu leben? Nein, überhaupt nicht. Von Bindung und Illusion (moha) frei zu werden, ist wahre Befreiung (moksha). Als Erstes müsst ihr die Bindung an den Körper aufgeben. Wenn ihr erst einmal frei von der Bindung an den Körper seid, werdet ihr von selbst Loslösung (vairâgya) entwickeln, die euch schließlich zur Befreiung führen wird. Liebe ist der einzige Weg, der euch zur Befreiung führen kann.

Ihr habt vielleicht die Geschichte von Mandana Mishra, einem berühmten Gelehrten, gehört. Seine Frau Ubhayabhâratî war ebenfalls hochgelehrt. Als Âdishankara auf seinem Siegesmarsch war, traf er Mandana Mishra und ließ sich auf einen Gelehrtenwettstreit mit ihm ein. Es wurde beschlossen, Mandana Mishra solle der Welt entsagen (samnyâsa), wenn er die Debatte verlöre. Ubhayabhâratî wurde zum Schiedsrichter des Wettbewerbs erwählt. Würde irgendjemand so einen Vorschlag annehmen, die Ehefrau des Rivalen als Schiedsrichter zu akzeptieren? Âdishankara zögerte jedoch nicht, sie als Schiedsrichter anzuerkennen, denn er wusste, dass Ubhayabhâratî streng am Prinzip der Wahrheit festhielt. Sie war unparteiisch in ihrem Urteil und erklärte Shankara zum Sieger. Den Vereinbarungen und Bedingungen des Wettstreits gemäß entsagte Mishra der Welt und Ubhayabhâratî als seine Gattin (ardhângî, wörtlich: die Hälfte des Körpers) handelte ebenso.

Ubhayabhâratî lebte in einer Einsiedelei nahe dem Ufer des Ganges. Viele Frauen wurden ihre Schülerinnen. Jeden Morgen gingen sie zum Baden zum Ufer des Ganges. An ihrem Weg lebte ein Samnyâsin, den die Leute als brahmajnânin betrachteten, als einen, der Gott erkannt hat. Er hatte der Welt entsagt, um wahre Weisheit zu erlangen. Dennoch hing er sehr an einem getrockneten Flaschenkürbis, in dem er Wasser aufbewahrte. Eines Tages legte er sich hin und benutzte ihn als Kissen, damit niemand ihn stehle. Ubhayabhâratî sah dies und fragte ihre Schülerinnen, wer dieser Mensch sei. Eine der Schülerinnen erzählte, er wäre als brahmajnânin bekannt. Daraufhin meinte Ubhayabhâratî: „Obwohl er als weise gilt, ist er an seinen Flaschenkürbis gebunden, den er als Kissen benutzt.“ Der so genannte brahmajnânin hörte ihre Unterhaltung und wurde wütend. Als Ubhayabhâratî und ihre Schülerinnen vom Ganges zurückkehrten, warf er den Kürbis zu Boden, um zu beweisen, dass er nicht an ihn gebunden sei. Als sie das sah, stellte Ubhayabhâratî fest: „Ich dachte, er besäße nur einen Fehler, nämlich Anhaftung. Jetzt erkenne ich, dass er noch einen anderen Makel hat, nämlich Ego (ahamkâra). Wie kann jemand mit Ego und Anhaftung ein Weiser sein?“ Ihr Kommentar öffnete dem Samnyâsin die Augen. Sofort fiel er Ubhayabhâratî zu Füßen und bat sie, ihn wahres Wissen zu lehren.

Vielfalt wahrzunehmen, ist Unwissenheit (ajnâna), die Einheit in der Vielfalt zu sehen, ist Weisheit (jnâna). Ubhayabhâratî vermittelte solche heiligen Lehren und verwandelte die Menschen. Da sie das Einheitsprinzip verstand, erlangte sie schließlich Befreiung. Mandana Mishra hingegen konnte die Befreiung nicht erlangen, denn er war voll weltlicher Gefühle. Ubhayabhâratî begann zu lehren und den Weg der Weisheit zu verkünden. Sie wurde der Guru der Menschen. Derjenige ist ein wahrer spiritueller Lehrer, der die Dunkelheit der Unwissenheit vertreibt und das Licht der Weisheit entzündet. Wahre Weisheit ist das, was in allen drei Zeitperioden unverändert bleibt. Die Leute akzeptierten Ubhayabhâratî als ihren spirituellen Lehrer, weil Gedanke, Wort und Tat bei ihr völlig übereinstimmten.

Jene sind edel,
bei denen Gedanken,
Worte und Taten
völlig übereinstimmen.

Ihr solltet nach der Auflösung eurer Gedanken- und Gefühlswelt (manas) streben. Ihr solltet nach Gott, und nichts anderem, verlangen und euch nicht in weltliche Beziehungen verstricken. Das ist wahre Weisheit.

Ubhayabhâratîs Lehren verbreiteten sich überall und sie wurde wegen ihrer Weisheit hoch geachtet. Auch heute noch gibt es viele solcher weisen Menschen. Wie könnte Licht in der Welt sein, wenn es keine verdienstvollen und weisen Menschen gäbe? Man kann Weisheit jedoch nicht von Personen erlangen. Man bekommt sie nur, wenn man Liebe zu Gott entwickelt. Ein Bettler, der an unserer Türschwelle um Almosen bettelt, sagt: „Bhavati bhikshan dehi“. Er spricht den Bewohner des Körpers, dehi, nicht den Körper, deha, an. So könnt ihr sogar von einem Bettler eine tiefgründige spirituelle Wahrheit lernen.

Keiner von jenen, die hohe akademische
Qualifikationen wie M.A. und B.A.
und eine hervorragende Position erlangen,
Reichtum anhäufen, wohltätige Werke
vollbringen und Name und Ruhm erwerben,
körperlich stark sind und ein langes
gesundes Leben genießen,
große Gelehrte sind, welche die Veden
studieren und predigen:
Keiner von ihnen kann einem wahren
Gottergebenen gleichkommen.

Weltliche Bildung ist zweifellos wichtig, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen, aber sie kann keine wahre Weisheit vermitteln. Allein die Erkenntnis des Selbst kann euch dauerhaftes Glück gewähren. Aber weltliche Bildung ist auch wesentlich, damit für eure körperlichen Bedürfnisse gesorgt ist. Ihr solltet sie nicht ganz aufgeben. Weltliche Bildung ist negativ und spirituelle Bildung positiv. Beide sind für das Glück hier und danach wesentlich.

Schüler, Studenten!

Ihr solltet, so wie Ubhayabhâratî, Meister in beiden Formen des Wissens, dem weltlichen wie dem spirituellen, werden. Aber denkt immer daran, dass nur atmisches Wissen das wahre Wissen ist. Wenn ihr das erlangt, habt ihr auch alles andere erlangt.

Letzte Nacht kam ich um ein Uhr zur Sai Kulwant Halle. Während dieser segensreichen Zeit kommen die göttlichen Lingams aus Kailâsa hervor. Die Lingams kommen von selbst entsprechend dem göttlichen Willen hervor. Ich habe etliche Schüler und Devotees mit großer Hingabe Bhajans singen sehen. Aber welches sind die wahren Devotees? Ich bemerkte, dass nur wenige Menschen mit wahrer Hingabe und einem reinen Herzen sangen und sich dabei ständig auf den göttlichen Namen besannen. Tausende Menschen nahmen an den Bhajans teil, aber nicht alle von ihnen sind wahre Devotees. Ihr Körper saß in der Halle, aber ihr Geist war nicht auf Gott ausgerichtet. Mechanisch nahmen sie an den Bhajans teil. Das ist nicht wahre Hingabe. Wo immer ihr euch befindet, ob in der Darshanhalle oder sonst wo, wenn eure Gedanken auf Gott gerichtet sind, seid ihr ein wahrer Gottergebener (Devotee) und werdet seine Gnade erlangen. Wenn ihr euch schläfrig fühlt, könnt ihr schlafen. Dagegen ist nichts zu sagen. Aber mögen sogar im Schlaf eure Gedanken auf Gott ausgerichtet sein!

Ist nicht eure Liebe und Hingabe zu Gott die Ursache dafür, dass ihr den ganzen Weg nach Prashânti Nilayam gekommen seid, um an den Shivarâtribhajans teilzunehmen? Ich kann eure Hingabe verstehen. Ein wahrer Devotee braucht keinerlei Annehmlichkeiten und wünscht sich keinen Komfort. Wo immer ihr hingeht, haltet euren Geist unter Kontrolle und richtet all eure Gedanken auf Gott aus. Das ist wahre Hingabe. Das lehrte Ubhayabhâratî ihre Schüler. Wenn auch ihr diese Hingabe entwickelt, wird euer Leben geheiligt. Richtet eure Aufmerksamkeit nicht auf körperliche Bequemlichkeiten. Singt immer das fünfsilbrige Mantra „Om namah shivaya“. Wenn ihr es nur mit den Lippen singt, werden weltliche Klänge daraus. Wenn ihr hingegen den göttlichen Namen aufrichtig mit voller geistiger Konzentration rezitiert bzw. singt, wird es sich in der ganzen Welt verbreiten. Das Singen bzw. Rezitieren des göttlichen Namens mit voller geistiger Konzentration ist wahre spirituelle Disziplin.

Swami beendete seine Ansprache mit dem Bhajan „Hari bhajana bina sukha shânti nahi…“ – „Ohne das Singen des göttlichen Namens gibt es keine Freude und keinen Frieden“.

Übersetzung der vom Ashram herausgegebenen gedruckten englischen Fassung der Rede, S. B., Prashanti Nilayam.
(Das Copyright der deutschen Übersetzung liegt bei der Sathya Sai Vereinigung e.V. , Dietzenbach)


[1] Gemäß der hinduistischen Mythologie der Gott des Todes, A. d. Ü.

[2] Ein heiliger Berg im Himâlaya, der als Shivas Wohnstätte gilt, A. d. Ü.


    

Copyright Sathya Sai Vereinigung e. V.