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 Ansprache Sathya Sai Babas am 18.05.2002

   

Das Ramayana - Ein Ideal für jede Familie


Wer egoistisch ist, wird von niemandem geliebt.
Wer dem Zorn erliegt, verliert das Unterscheidungsvermögen.
Wer übermäßige Wünsche in sich trägt,
ist unfähig seine Gedanken und Gefühle zu beherrschen.
Wer von Gier erfüllt ist, vermag nicht in
den Genuss von Glück und Freude zu gelangen.

Verkörperungen der Liebe!
Solange der Mensch egoistisch ist, wird niemand ihn lieben. Sogar seine Frau und seine Kinder werden ihn meiden. Wenn im Menschen Zorn ausbricht, kann er nicht mehr glücklich sein. Übermäßige Wünsche lassen ihn die Herrschaft über seine Gedanken und Gefühle (mind) verlieren. An dem Tag, an dem der Mensch Gier und Habsucht hinter sich lässt, wird er sich am Glück erfreuen.

Der heutige Vortrag über das Ramayana wird den Frauen sehr gefallen. Râma und Lakshmana erreichten, zusammen mit Vishvâmitra, die Stadt Mithila. Nachdem Râma den Bogen von Gott Shiva zerbrochen hatte, sandte Janaka eine Einladung an Dasharatha, nach Mithila zu kommen. Das bedeutete, dass Râma und Lakshmana vier Tage zu ihrer freien Verfügung hatten. Als nur noch ein Tag bis zur Ankunft ihrer Eltern und Brüder verblieb, wandte sich Lakshmana mit folgenden Worten an den Weisen Vishvâmitra: „Meister, meine Eltern und meine Brüder werden morgen kommen. Wenn Sie es gestatten, würden wir gerne an diesem letzten Tag die Stadt Mithila besichtigen.“ Vishvâmitra gewährte die Bitte.

Wenig später spazierten Râma und Lakshmana durch die Straßen von Mithila. Wie von einem mächtigen Magneten angezogen, richteten sich die Blicke aller Bürger auf die beiden Prinzen. Sogar die Frauen ließen von ihrer Hausarbeit ab und kamen, um einen Blick auf die beiden jungen Männer zu werfen. Auch die Schulkinder rannten herbei. Die Blicke aller waren unverwandt auf die beiden Brüder gerichtet. Die Menschen waren voll Staunen: „Oh, welch himmlische Schönheit erstrahlt in diesen beiden Jungen. Sie leuchten wie die Sonne und der Mond. Woher kommen sie?“ So fragten sie sich verwundert untereinander, doch niemand wusste die Antwort.

Schließlich kam eine junge Hausfrau und erklärte den anderen Frauen: „Mein Geburtsort ist die Stadt Ayodhyâ. Da ich in eine Familie aus Mithila eingeheiratet habe, lebe ich jetzt hier. Diese gut aussehenden jungen Männer sind die Söhne des Kaisers Dasharatha. Sie sind von außergewöhnlicher Schönheit und tragen die Namen Râma und Lakshmana. Selbst in Ayodhyâ ziehen sie überall, wo sie erscheinen, unverzüglich die Aufmerksamkeit aller auf sich.“ In dieser Weise berichtete sie den anderen Frauen all die Einzelheiten über die attraktiven Prinzen.

Doch obwohl sie die Hauptattraktion waren, hoben Râma und Lakshmana niemals ihr Haupt. Den Kopf gesenkt genossen sie ihren Spaziergang durch die Straßen. Einige Frauen versuchten die Aufmerksamkeit der beiden Prinzen auf sich zu lenken, indem sie Blumen auf ihren Weg streuten, in der Hoffnung, wenigstens dann einen Blick der Prinzen zu erhaschen. Sie ließen nichts unversucht, um die Blicke von Râma und Lakshmana auf sich zu ziehen. Einige schwenkten sogar die heilige Arati-Flamme (Anbetung mittels einer Kampferflamme, A.d.Ü.). Doch die Prinzen blieben unbeirrt und blickten niemanden an. Die Jugend von damals besaß eine solch reine und heilige Sichtweise. In diesem zarten Alter blickte keiner von ihnen jemals einer Frau ins Gesicht.

Râma und Lakshmana beendeten ihren Rundgang und kehrten zum Palast zurück. In der Zwischenzeit waren ihre Eltern und ihre Brüder eingetroffen. Wenn die vier Brüder zusammen waren, leuchteten sie wie der Mond unter den Sternen. Die Bewohner von Mithila waren erstaunt über die Schönheit, die Haltung und das Aussehen der vier Brüder.

Am folgenden Tag sollte Shivas Bogen ausgestellt werden. Eine große Veranstaltung wurde organisiert. Râma kam in Begleitung seiner Brüder zu der Versammlung. In dem Saal waren auch noch andere mächtige Könige und Kaiser anwesend. Beim Anblick der Versammelten dachte König Janakas Frau Sunetra, während sie hinter dem Vorhang hervorlugte: „In dieser Versammlung gibt es so viele gut aussehende und tapfere junge Prinzen. Wäre es nicht besser, je einen von ihnen für meine Töchter auszuwählen, ihre Hochzeit mit meinen Töchtern zu arrangieren und sich somit rasch der Verantwortung zu entledigen? Weshalb muss der König die ganze Sache durch die Ankündigung erschweren, dass nur jener, der Lord Shivas Bogen hebt und zerbricht, der angemessene Bräutigam sein soll? Schon etliche tapfere Persönlichkeiten haben in der Vergangenheit einen Versuch unternommen und versagt. Werden die hier versammelten jungen Männer erfolgreich sein? Wie sollen ihre zarten Körper das Gewicht des schweren Bogens verkraften?“ Sie war sehr beunruhigt über die ganze Angelegenheit und besprach es mit ihren Begleiterinnen.

Ihre Ängste wurden bestätigt, als niemand unter allen Versammelten es schaffte, den Bogen auch nur anzuheben. Schließlich gab der Weise Vishvâmitra Râma die Erlaubnis, den Bogen zu heben. Râma ging auf den Behälter zu, in dem der Bogen aufbewahrt wurde, und entfernte die Abdeckung. In diesem Augenblick erschütterte ein heftiges Beben alle Anwesenden. Da stand Lakshmana auf und presste einen Fuß fest auf die Erde. Selbst Vishvâmitra wusste nicht, was Lakshmana beabsichtigte, und fragte: „Lakshmana, was geht hier vor? Was machst du?“ Lakshmana beugte bescheiden sein Haupt und sagte: „Dies ist die Hilfe, die ich meinem älteren Bruder erweisen muss.“ Lakshmana wollte damit sagen, dass, als Râma den Bogen hob, ein plötzliches Sich-Neigen der Erde ein Ungleichgewicht auslöste, was diese Turbulenz zur Folge hatte. Indem er seinen Fuß fest auf die Erde presste, glich Lakshmana die Verschiebung aus.

Wie groß war die Liebe, die die Brüder für einander empfanden! Als sie einst miteinander spielten, kam Bharata weinend zu Kausalyâ gelaufen und ließ sich in ihren Schoß fallen. Liebevoll fragte Kausalyâ: „Kind, warum weinst du? Hat dein älterer Bruder dich gescholten? Haben deine Brüder mit dir gestritten?“ Auf diese Weise versuchte sie, die Ursache von Bharatas Kummer zu erfahren. Bharata antwortete: „Mutter, keiner meiner Brüder würde auch nur im Traum daran denken mich zu schelten und mit mir zu streiten. Sie alle lieben mich sehr. Doch um mich gewinnen zu lassen, verliert Râma immer das Spiel, obwohl ich alle Anstrengungen dagegen setze. Er möchte immer, dass ich gewinne.“ Râma verlor mit Absicht, denn er wollte, dass die kleineren Brüder gewinnen. Das war stets Râmas Ziel. Jeder der Brüder machte es ebenso, damit die anderen Brüder gewinnen sollten. Râma wusste, dass, wenn seine Brüder gewannen und glücklich waren, er selbst es auch war. Râma nahm in dieser Weise viele Mühen auf sich um sicherzustellen, dass es seinen kleineren Brüdern gut ging.

Als Râma den heiligen Bogen Shivas aus dem Behälter hob, die Sehne befestigte und dann spannte, brach ein Donnergetöse los. Alle fragten sich, wie denn ein Junge in diesem zarten Alter solch eine gewaltige Tat vollbringen konnte. Selbst durch den Krafteinsatz von tausend Männern wäre der Bogen nicht zu heben gewesen. Etliche Elefanten wurden benötigt, um den Behälter mit dem Bogen in die Halle zu schleppen. Wie konnte dann Râma diesen schweren Bogen heben? Wie schaffte er es ihn zu spannen? Die Nachricht von dieser großartigen Tat verbreitete sich in ganz Mithila und sorgte für eine Sensation.

Janaka begann mit den Vorbereitungen für die Hochzeit seiner Tochter mit Râma. Kushadvaja war Janakas Bruder. Er hatte zwei Töchter namens Mandavi und Shrutakirthi. König Janaka hatte noch eine zweite Tochter namens Urmilâ. Im Verlauf der Hochzeitsvorbereitungen kam der Weise Vasishtha zu Janaka und sagte: „Oh, König! Hier sind vier strahlende junge Männer, die wie die Sonne selbst leuchten. Sie sind alle tapfer und heldenhaft.“ Vasishtha beriet sich dann mit Kushadvaja und schlug vor, dass seine beiden Töchter mit Bharata und Shatrughna verheiratet werden sollten. Kushadvaja stimmte sofort zu. Janaka vergoss Freudentränen über die Entwicklung der Ereignisse und war bereit, seine zweite Tochter Urmilâ Lakshmana zur Ehefrau zu geben.

Die Bräute und Bräutigame wurden für die Zeremonie vorbereitet und zum Podium geführt. Als sie dort saßen, schienen sie ganz Mithila mit Licht zu erfüllen. Die Frauen waren von unbeschreiblichem Entzücken erfüllt. Sie priesen ihr großes Glück, Zeugen nicht nur von Sîtâs Hochzeit zu sein, sondern die Vermählung aller vier Prinzessinnen zu erleben.

Dies ist göttlicher Wille. Wenn Gott es so will, kann er alles tun. Wer kann tun, was Gott tut? Wer kann besitzen, was Gott besitzt? Gott allein ist der ewige Zeuge. Sein Wille allein vermag alles zu erreichen.

Die Hochzeitszeremonie war in vollem Gange. Doch die vier Brüder hoben kein einziges Mal den Kopf und sahen niemanden an. Im modernen Zeitalter dagegen beginnen Gespräche und frivoles Verhalten bereits lange vor der Hochzeit! Doch hier saßen die Bräute und Bräutigame während der ganzen Zeremonie mit gesenktem Haupt, in demütiger und bescheidener Haltung. Sie folgten den Anweisungen des Priesters ohne dabei den Kopf zu heben. Ich erzähle euch diese Einzelheiten, um das hohe Maß an Disziplin und Idealismus jener Tage hervorzuheben. Janaka stand neben Râma, bereit, die Braut zu übergeben. Er bot ihm Sîtâs Hand mit den Worten an: „Râma, hier ist meine Tochter Sîtâ.“ Doch trotz Janakas wiederholter Aufforderung blickte Râma Sîtâ nicht an, denn es war in jenen Tagen Brauch, dass eine Braut erst dann zur Ehefrau wurde, wenn der Bräutigam ihr das heilige Glücksband (mangalasûtra, d.h.: Hochzeitskette; entspricht dem Ehering, A.d.Ü.) um den Hals legte. Bis zu diesem Augenblick wurde erwartet, dass Braut und Bräutigam einander nicht ansehen. In jenen Tagen wurde dieser strengen Disziplin gefolgt. Diese Disziplin wird weder heute noch morgen jemals zu finden sein. Niemand vermag gleich den vier Brüdern, solch beispielhafte Ideale zu setzen oder ihnen gerecht zu werden.

Die Hochzeits-Zeremonie war an dem Punkt angelangt, an dem sich Braut und Bräutigam gegenseitig mit Girlanden bekränzen. Die Bräute hielten wartend die Girlanden in ihren Händen, ebenso die Bräutigame. Es war an Râma, als erster Sîtâ die Girlande umzulegen, bevor die drei Brüder seinem Beispiel folgen konnten. Bei dieser Zeremonie standen auch die Eltern hinter ihren Kindern. Sie gingen zu Râma und forderten ihn auf, Sîtâ die Girlande umzulegen, damit seine Brüder ebenso verfahren konnten. Râma kam der Aufforderung nach und seine Brüder folgten ihm. Jetzt waren die Bräute an der Reihe. Sîtâ stand wartend mit der Girlande in ihrer Hand. Sekunden verstrichen, doch Râma machte keine Anstalten seinen Kopf zu neigen! Er war es, der die Tapferkeit und die Erhabenheit besaß, die ihn den mächtigen Bogen Shivas heben, spannen und zerbrechen ließen. Um seine Ehre zu wahren weigerte er sich daher, sein Haupt zu neigen und blieb aufrecht stehen.

Râma war hochgewachsen, breitschultrig und kräftig. Obwohl sie noch jung waren, waren alle Brüder groß und körperlich kräftig. Die lange Unterbrechung der Zeremonie ließ ein Raunen und Murmeln unter den Anwesenden aufkommen. Sie fragten sich, weshalb Râma sich weigerte, sein Haupt zu neigen. Auch Râma war daran gelegen aus dieser Situation herauszukommen. Er sah Lakshmana an und gab ihm ein kaum merkliches Zeichen. Alle vier Brüder waren stets aufmerksam und wachsam. Tyâgarâja brachte dies in seinem Lied zum Ausdruck:

„Würde ein Affe den Ozean überqueren?
Ist es möglich, dich mit einem Strick festzubinden?
(Krishna als Kind, damit er nicht weglaufen sollte. A.d.Ü.)
Würde die Göttin Lakshmî dich verehren?
Würde Lakshmana dir bereitwillig dienen?
Würde sich der hochintelligente Bharata vor dir verneigen?
Oh, wie großartig ist doch Lord Râmas Stärke!“

Lakshmana war die Verkörperung von Adishesha (die Weltenschlange, auf der Vishnu während der zyklisch wiederkehrenden Weltennacht ruht. A.d.Ü.), jener himmlischen Schlange, die die Kraft besaß, die ganze Welt auf den Windungen ihres Körpers zu tragen. Lakshmana empfing Râmas Signal und verstand, dass er ihn aufforderte, den Boden unter Sîtâ anzuheben. Mit einer ebenso unauffälligen Bewegung seines Kopfes deutete er an, dass dieser Plan gegen die Naturgesetze verstieß und daher nicht ausgeführt werden konnte. Würde nämlich der Boden unter Sîtâ angehoben, so würden auch alle anderen mit hochgehoben! Râma signalisierte Lakshmana wiederum, rasch einen Plan zu ersinnen, um der festgefahrenen Situation zu entkommen. Lakshmana hatte eine Idee. Er lief unvermittelt auf Râma zu, fiel ihm zu Füßen und verharrte in dieser Haltung. Râma war nun gezwungen, sich zu bücken und Lakshmana hochzuheben. Sîtâ ergriff rasch die Gelegenheit und legte Râma die Girlande um den Hals. Unverzüglich folgten auch die anderen Bräute und legten ihren Bräutigamen die Girlanden um. Dieser Zwischenfall zeigt deutlich die erhabene, disziplinierte und ehrenhafte Handlungs- und Verhaltensweise der Brüder.

Die Hochzeitsfeierlichkeiten kamen bald zum Abschluss, und die ganze Hochzeitsgesellschaft kehrte nach Ayodhyâ zurück. Dort wurden sie mit viel Liebe und Freude empfangen. Doch was wir betrachten müssen, sind nicht nur die Tugenden der vier Brüder. Die Charaktere von Sîtâ, Urmilâ, Mandavi und Shrutakirthi müssen ebenso betrachtet und erläutert werden. Auch sie waren in höchstem Maße edel und ehrenhaft. Sie stammten aus einer hoch angesehenen Familie. König Janaka war bekannt dafür, Herrschaft über seine Sinne erlangt zu haben. Er war Meister im Karma-Yoga (Yoga des selbstlosen Handelns) und ein anerkannter Experte im Jnâna-Yoga (geistiger Weg der Erkenntnis). Töchter aus einer solchen Familie können keine gewöhnlichen Sterblichen sein.

Nur Râma hatte den Befehl erhalten ins Exil zu gehen, doch Sîtâ konnte diesem Gedanken nicht zustimmen. In der Zwischenzeit war Râma zu seiner Mutter gegangen. Als sie die traurige Nachricht vom bevorstehenden Exil ihres Sohnes - anstelle der freudigen Nachricht seiner Krönung zum König - erhielt, war sie zutiefst erschüttert. „Sohn, du befolgst nur den Befehl deines Vaters, wenn du in die Wildnis gehst. Wie steht es um die Wünsche deiner Mutter? Ich bin deines Vaters ‘ardhangi’ - seine bessere Hälfte. Welche Bedeutung misst du den Worten ‘dieser Hälfte’ zu? Auch ich werde mit dir in die Wildnis gehen,“ sagte sie. Râma belehrte sie: „Mutter, dein Ehemann ist wahrhaft dein Gott. Es gibt keinen anderen über ihm stehenden Gott für dich. Er ist jetzt alt. Außerdem hat ihn die traurige Situation noch zusätzlich erschüttert. Es wäre nicht richtig, wenn du ihn jetzt in diesem Zustand verließest. Du musst ihm dienen und ihn stützen. Tröste ihn. Gib ihm die Kraft und den Mut, seinen Schmerz zu ertragen.“ Mit diesen Worten überzeugte Râma seine Mutter von ihrem Plan, ihm in die Wildnis zu folgen, abzulassen.

Sîtâ hatte alles gehört. Als Râma zum Palast zurückkehrte und ein ockerfarbenes Gewand (Kleidung jener, die der Welt entsagt haben, A.d.Ü.) anlegte, kleidete sie sich ebenso und ließ damit ihren Wunsch erkennen, Râma in die Wildnis zu folgen. Râma verbot ihr dies nachdrücklich. Mit sanften Worten erinnerte Sîtâ ihn; „Herr, warum gibt es einen Moralkodex für deine Mutter und einen anderen für mich? Hat nicht ein und derselbe Verhaltenskodex Gültigkeit für alle verheirateten Frauen? Liegt nicht die Verantwortung einer guten Ehefrau darin, ihren Mann glücklich zu machen? Es ist ihre Aufgabe für sein Wohlergehen zu sorgen. Ist es folglich nicht auch meine Verantwortung mich daran zu halten? Ich werde mich daher deinem Verbot widersetzen und dich in die Wildnis begleiten.“

Urmilâ war eine große Malerin. In ihrem Zimmer war sie gerade damit beschäftigt, die Szene von Râmas und Sîtâs Hochzeit zu malen, denn sie wollte das Bild ihrem Vater schicken. In diesem Augenblick betrat Lakshmana das Zimmer. Er war sehr aufgebracht. Râma gab seinem Bitten nicht nach und schickte sich an, Kaikeyîs Anweisungen zu folgen. (Als König Dasharatha in einer Schlacht verwundet worden war, hatte Kaikeyî ihn gepflegt. Er gewährte ihr zwei Wünsche. Sie machte später davon Gebrauch, indem sie den König veranlasste, Prinz Râma in die Verbannung zu schicken, um ihrem eigenen Sohn Bharata den Platz als Thronfolger zu verschaffen. A.d.Ü.) Er rief Urmilâ und informierte sie, dass er in die Wildnis gehen würde. Erschrocken über die dramatische Wende der Ereignisse sprang Urmilâ auf und stieß dabei versehentlich die Leinwand mit dem Gemälde um, wobei sich die Farben darüber ergossen. Sie klagte: „O je, das schöne Bild von Shri Râmas Hochzeit ist nun völlig verdorben.“ Lakshmana entgegnete: „Urmilâ, ich bin verantwortlich dafür, dass dein Bild zerstört wurde. Kaikeyî ist verantwortlich dafür, dass Râmas Krönung zum Kaiser zunichte gemacht wurde. Wir beide haben heute anderen nur Schaden zugefügt. Ich gehe jetzt fort.“ Urmilâs Mut und Charakterstärke zeigten sich nun. Lakshmana hatte sie bereits davon in Kenntnis gesetzt, dass auch Sîtâ Râma in die Wildnis folgen würde. Urmilâ freute sich sehr darüber, dass ihre Schwester Râma begleiten und ihm dienen würde. Doch sie selbst bestand nicht darauf, Lakshmana zu begleiten. Vielmehr sagte sie zu ihm: „Mein Herr, ich weiß, dass du nur mit dem Ziel Sîtâ und Râma zu dienen in die Wildnis aufbrichst. Mögest du erfolgreich sein und keinen Hindernissen begegnen. Du musst deine Tage und Nächte in beständigem Dienst an Râma und Sîtâ verbringen. Du solltest dir nicht um mein Wohlergehen Gedanken machen und noch nicht einmal an mich denken. Sorge dich niemals auch nur einen Augenblick, weil du nicht in Ayodhyâ an meiner Seite bist, um dich um mich zu kümmern. Vergiss Ayodhyâ, denn ab nun wird die Wildnis dein Ayodhyâ sein. Das Ayodhyâ hier ist ohne dich eine Wildnis. Räume also der Sorge um mich keinen Platz ein. Was mich betrifft, so werde ich in frohen Gedanken an dich meine Zeit hier verbringen.“ Auf diese Weise flößte Urmilâ ihrem Gemahl gewaltigen Mut ein. Auch sah sie die Möglichkeit voraus, dass Lakshmanas Dienst an Râma und Sîtâ beeinträchtigt werden könnte, wenn immer seine Gedanken bei ihr weilten. So nahm sie ihrem Gemahl das Versprechen ab, während des vierzehnjährigen Exils nicht einmal an sie zu denken. Sie sagte: „In der Wildnis wird Râma dein Vater und Sîtâ deine Mutter sein. Ihnen treu zu dienen, soll dein Hauptaugenmerk sein. Vergiss also uns alle hier.“ Sie nahm Lakshmana dieses Versprechen ab und sandte ihn froh gesinnt in die Wildnis. Kausalyâ hat vielleicht ein wenig getrauert, nicht aber Urmilâ. Das ist die Eigenschaft einer idealen Schwiegertochter. Sie muss stets ihren Mann ermuntern, indem sie ihm in angemessener Weise Kraft und Mut einflößt. Eine Hausfrau wird auch ‘grihalakshmî’ (die Segen bringende Göttin des Hauses) und ‘dharmapatnî’ (Begleiterin des Ehemannes bei der Erfüllung der Rechte und Pflichten des Ehelebens) genannt. Urmilâ erfüllte ihre Pflichten als eine ‘dharmapatnî’, indem sie Lakshmana darin bestärkte, dem Pfad der Rechtschaffenheit zu folgen.

Während all dieser Geschehnisse waren Bharata, Shatrughna, Mandavi und Shrutakirthi abwesend. Sie waren auf Ferien im Königreich Kaikeya. Mutter Kausalyâ war von großer Sorge erfüllt über den Wandel der Dinge. Das war der Zeitpunkt, an dem Sumitrâs edle Eigenschaften eingehend geprüft wurden. Ihr Charakter entsprach ihrem Namen. Sie war in der Tat die ‚gute Freundin’. Ihr Herz war rein. Über die Ereignisse vergoss sie keine Träne. Sie blieb heiter und tröstete Kausalyâ mit den Worten: „Schwester, weshalb bist du so betrübt? Râma, der sich zum Wohle der Menschheit inkarniert hat, kann niemals ein Leid geschehen. Wenn du dir wegen seines körperlichen Wohlergehens Sorgen machst, so sei beruhigt, denn mein Sohn Lakshmana wird stets an der Seite von Râma sein. Er wird Râmas Begleiter und Helfer sein. Du darfst Furcht und Unruhe keinen Raum geben.“ Doch Kausalyâ war der Mutterschoß, der Râma getragen hatte. Ihr Schmerz über sein Exil war daher außerordentlich stark. Unter diesen Umständen war der edle und mutige Rat, den Sumitrâ Kausalyâ gab, höchst lobenswert. Doch wenn vom Ramayana-Epos die Rede ist, erwähnt leider kaum jemand die edlen Eigenschaften Sumitrâs. Des Weiteren sagte sie zu Kausalyâ: „Das ganze Drama ist der Meisterplan Gottes. Du und ich, wir beide können weder etwas hinzufügen noch verändern. Zum Wohle der Welt und der Stärkung von Dharma (göttliche Ordnung) hat Gott diese Mission inszeniert. Daher, Schwester, weine nicht! Deine Söhne werden deine Tränen beim Abschied als unheilvoll betrachten. Segne sie freudig und schicke sie auf den Weg. So stand Sumitrâ an Kausalyâs Seite und flößte ihr viel Mut ein. Die Prinzen und Sîtâ machten sich bald auf den Weg.

Inzwischen hatte Dasharatha das Bewusstsein wieder erlangt und erinnerte sich an die Ereignisse. In höchster Erregung lief er auf die Strasse und rief: „Râma, gehst du fort? Nein, nein! Bitte warte doch!“ Sumantha war der Wagenlenker. Dasharatha bat ihn inständig: „Oh, Sumantha, halte an! Verweile einen Augenblick! Lass mich meinen Râma nur einmal sehen.“ Râma hingegen bat Sumantha nicht anzuhalten, noch gebot er ihm weiterzufahren. Er forderte ihn lediglich auf seine Pflicht zu erfüllen. Einige Schriftgelehrte haben an dieser Stelle geschildert, Râma hätte Sumantha aufgefordert zu lügen und zu behaupten, er hätte die Bitte des Königs anzuhalten nicht gehört. Ganz im Gegenteil - er schwieg. In Dingen des Prinzips und der Disziplin waren sowohl Râma als auch Lakshmana sehr streng. Sie sind nachzuahmende Ideale, wenn es darum geht, den Sieg zu erlangen und dem Geheiß der Eltern zu folgen.

Lakshmana lebte mit Sîtâ und Râma 14 Jahre lang in der Wildnis. Doch kein einziges Mal hob er sein Haupt, um Sîtâs Gesicht zu betrachten. Auf dem Rishyamuka-Berg, wo Sugrîva (Name des Königs eines Affengeschlechts; sein Feldherr war der berühmte Hanumân. A.d.Ü.) und Râma zusammentrafen und miteinander sprachen, brachte man ein Bündel, das Sîtâs gesamten Schmuck enthielt. Als Râvana Sîtâ raubte und durch die Lüfte in Richtung Lanka (alte Bezeichnung der Insel Ceylon, die heute wieder Sri Lanka heißt; A.d.Ü.) forttrug, hatte sie das Bündel zur Erde geschleudert. Sugrîva hatte das Bündel aufbewahrt, da er nicht wusste, wem der Schmuck gehörte. Im Verlauf des Gesprächs mit Râma und Lakshmana ließ Sugrîva das Bündel öffnen und zeigte Râma den Schmuck. Er fragte, ob die Schmuckstücke Mutter Sîtâ gehörten, oder aber ob irgendwelche Dämonen sie versehentlich hatten fallen lassen. Râma prüfte alles, konnte aber keines der Stücke identifizieren. Heutzutage gibt es vom Schmuck der Ehefrau eine vollständige Aufstellung und eine genaue Beschreibung hinsichtlich der Form und des Aussehen! Râma reichte die Schmuckstücke an Lakshmana weiter, damit er sie identifizieren sollte. Lakshmana konnte nur die Fußspangen eindeutig als Sîtâs Eigentum identifizieren. Râma fragte: „Wie kannst du das behaupten?“ Lakshmana entgegnete: „Jeden Tag, nachdem ich mein Bad genommen hatte, verneigte ich mich zu Mutter Sîtâs Füssen. So habe ich sie gesehen und erkenne sie also wieder.“ Was für eine edle Haltung! Vierzehn lange Jahre lebten sie zusammen in derselben Hütte, doch Lakshmana schaute Sîtâ niemals ins Gesicht.

Aufgrund ihres ehrenhaften Charakters waren sie mit ‚lavanya’ gesegnet. ‚Lavanya’ ist ein Sanskrit-Begriff und bedeutet ‚herausragender Ruf’. Heutzutage wird er nur als Name verwendet. Tatsächlich bezeichnet ‚lavanya’ jene Reinheit, die strenger Disziplin und festem Charakter entspringt. Dies war die hohe durch Râma und Lakshmana gesetzte Norm idealen Verhaltens.

Zwischenzeitlich hatte Dasharatha, der den Schmerz der Trennung von Râma nicht länger ertragen konnte, seine sterbliche Hülle verlassen. Ein Dilemma war nun, wer die Bestattungsriten durchführen sollte, da Râma und Lakshmana sich im Exil befanden. Bharata und Shatrughna waren im Königreich Kaikeya im Hause ihres Onkels mütterlicherseits, und ihre Rückkehr würde mindestens 10 Tage beanspruchen. Folglich entschieden Vasishtha, Vishvâmitra und einige andere weise Männer, dass der Leichnam einbalsamiert und in Öl aufbewahrt werden sollte. So wurde Dasharathas Leichnam vierzehn Tage lang aufbewahrt. In jenen Tagen verfügte man weder über Eis, noch über die Einrichtungen eines Leichenschauhauses.

Bharata und Shatrughna kamen zurück. Shatrughna ist ein anderes Vorbild, das das Ramayana bereithält. Er glich Lakshmana in jeder nur erdenklichen Weise. Während Shatrughna unermüdlich Bharata diente, engagierte sich Lakshmana im Dienst an Lord Râma. Auf diese Weise verbrachten die Zwillinge ihr Leben im Dienst an ihren älteren Brüdern. Bharata verließ sich immer auf Shatrughnas Weisheit und vernünftigen Rat. Seinem Namen getreu besaß Shatrughna enorme Kraft und Tapferkeit; er war ein Mann, der seine Feinde vernichtete. Keiner war ihm ebenbürtig, wenn es darum ging, die Feinde zu schlagen. Es war seine Gegenwart, die Râma, Lakshmana und Bharata Sicherheit und Schutz gewährte. Shatrughna war ein Mensch, der sich nie auf Gespräche einließ. Selbst Lakshmana redete und argumentierte zuweilen, nicht aber Shatrughna.

Einst, noch vor der Hochzeitsepisode, waren Râma, Lakshmana und der Weise Vishvâmitra auf dem Weg zur Einsiedelei des Weisen. In einem Boot überquerten sie den Fluss Sarayu und erreichten das andere Ufer. Dort sahen sie einen wunderschönen Aschram bzw. eine Einsiedelei. Lakshmana war verwundert und fragte Râma: „Bruder, was ist das für ein Ort? Es scheint eine wunderschöne Siedlung zu sein.“ Vishvâmitra antwortete: „Nur keine Eile, ich werde es dir erklären. Dies ist keine gewöhnliche Einsiedelei. Sie gehört Manmatha (Name für Kama, den Gott der Liebe und des Verlangens), der außerordentlich gut aussehend war und jeden an sich zu ziehen vermochte. Er entwickelte seine inneren und äußeren Kräfte. Jedoch versuchte er, damit Einfluss auf Lord Shiva zu nehmen und wurde dafür von ihm verflucht, formlos (angahina, d.h.: ohne Körper) zu bleiben. Deshalb wird dieser Bereich hier ‚Anga-desha’, das Königreich von Anga genannt. Es ist ein heiliger Ort, weil sich Lord Shiva hier aufgehalten hat. Deshalb ist der Ort das Geschenk Shivas und sein eigener Wohnsitz.“

Sie verbrachten dann die Nacht im Aschram. Bei Morgengrauen hießen die Aschram-Bewohner sie ein Boot besteigen und verabschiedeten sie sehr herzlich. Sie hatten erkannt, dass die Prinzen die Söhne Kaiser Dasharathas waren. Daher wurden sie gebührend geehrt und ihnen wurde ein prächtig geschmücktes Boot zur Verfügung gestellt, damit sie ihre Reise fortsetzen konnten.

Kurze Zeit später hörten sie in der Ferne ein ohrenbetäubendes Getöse. Eine Furcht erregende Wildnis, voll von wilden Tieren, kam in Sicht. Lakshmana fragte den Weisen Vishvâmitra: „Meister! Woher kommt dieser Lärm? Wie heißt dieser unheimliche Ort?“ Der Weise antwortete: „Sohn! Das Getöse kommt vom Fluss Sarayu, der in den mächtigen Ganges einmündet. Der heilige Ganges gleicht einem Ozean, mit dem der Sarayu-Fluss verschmilzt. Das ist die Ursache für das Getöse. Die Wildnis hier wird von wilden Tieren und schrecklichen Dämonen heimgesucht.“

Bald darauf betraten sie die Wildnis. Überall waren wilde Tiere zu sehen, und aus allen Winkeln drangen unheimliche Laute. Es handelte sich nämlich um das Reich von Râvanas Schwester, der Dämonin Surpanaka. Furcht ergriff jeden, der sich hier hineinwagte, da jeder Schritt höchst gefährlich war. Vishvâmitra segnete daher Râma wiederholt mit den Worten: „Oh, Râma! Mögen alles Glück und aller Segen mit Dir sein.“

Nach einer Weile blieb Lakshmana hinter Râma und Vishvâmitra zurück, die weitergingen. Lakshmana, der sich seinen rituellen Waschungen widmen wollte, entfernte sich von den beiden. Als er sie später wieder einholte, hatte eine völlige Veränderung in seinem Gemüt (mind) stattgefunden. Er rief plötzlich: „Bruder! Wozu all die Mühsal? Weshalb leidest du hier, wo dir doch jeglicher Luxus zusteht? Weshalb sollte ich mit dir leiden? Lass uns sofort nach Ayodhyâ zurückkehren! Ich werde alles in Ordnung bringen, wenn wir erst zurück sind. Warum sollten wir weiter in diese schreckliche Wildnis vordringen? Was sollen wir essen und wie sollen wir für uns sorgen?“ Es war ein plötzlicher Ausbruch von Ärger und Zorn bei Lakshmana.

Râma lächelte nur und zeigte keine Reaktion. Vielmehr nahm er Lakshmana bei der Hand und führte ihn aus der Wildnis heraus. Der Zorn, der in Lakshmana aufgestiegen war, hielt an, bis sie das Ende der Wildnis erreichten. In dem Augenblick, als Râma ihn aus der Wildnis herausgeführt hatte, versiegte sein Zorn und er war wieder sein altes Selbst. Während Râma den noch verwirrten Lakshmana unter einem Baum rasten und sich entspannen ließ, erklärte er ihm: „Dies hier ist das Königreich von Râvanas Schwester Surpanaka. Sie streift frei und ungebunden durch diese Gefilde. Du bist in diesen Bereich eingetreten, und somit haben dich die Schwingungen dieses Ortes, sthalabalam, beeinflusst. Surpanakas üble Eigenschaften drangen in dich ein und zwangen dich zu dieser Verhaltensweise. Wir werden diesen Ort verlassen.“ Lakshmana war völlig beschämt über sein vorheriges Verhalten. „Ach, welche Schande! Wie konnte ich nur solch heftige und unkultivierte Worte äußern? Es ist nicht meine Art so zu sprechen. Das sind auch nicht meine wahren Gefühle. Zweifelsohne sind sie auf die Schwingung der dämonischen Umgebung zurückzuführen.“ Er tröstete sich mit diesen Worten und bat Râma um Verzeihung. Dann setzten sie ihren Weg fort.

Kurze Zeit später erfuhren sie die wohltuenden Schwingungen von Siddhashram (Name einer Einsiedelei). Die kühle Brise und die vedischen Gesänge erfüllten den Ort mit heiliger Erhabenheit. Vishvâmitra erklärte ihnen: „Söhne, dies ist unser Siddhashram. Lord Vâmana (Name einer Inkarnation Vishnus in Zwergengestalt) wurde hier geboren, und Lord Shiva hielt sich hier einige Tage auf.“

In Siddhashram übertrug Vishvâmitra Râma und Lakshmana eine Aufgabe. Er sagte: „Söhne, ihr seid hierher gekommen, um ein Opferritual (yajna) zu schützen. Ihr sollt diese Verantwortung übernehmen. Das war auch der Auftrag eures Vaters. Von diesem Augenblick an dürft ihr weder essen noch ausruhen. Dies allein ist schon ein großes Opfer, das ihr beide vollbringen sollt. Ihr sollt dieses Opfer heiligen und erfolgreich daraus hervorgehen.“ Râma und Lakshmana waren beide der Aufgabe gewachsen. Zu keiner Zeit ließen sie Anzeichen von Müdigkeit, Mühsal oder Schwäche erkennen.

Bei Tagesanbruch begann die große Opferzeremonie. Sobald die entsprechenden Mantras rezitiert wurden, gingen Râma und Lakshmana in einen Zustand höchster Wachsamkeit und patrouillierten den Ort auf und ab. Da ertönte plötzlich ein gewaltiges Brüllen. Einer der Weisen sagte zu den Brüdern: „Da kommen die Dämonenhorden. Bestimmt werden sie von Chanda und Amarka angeführt. Seid bereit.“ Obwohl die beiden Brüder ohne Nahrung, Wasser und Schlaf geblieben waren, erfüllten sie ihre Pflicht mit Erfolg. Sie töteten die Dämonen und trugen Sorge dafür, dass das Opferritual erfolgreich ausgeführt wurde.

Râmas und Lakshmanas völlige Hingabe an die ihnen von Vishvâmitra übertragene Aufgabe wird in folgender Episode deutlich. Bei Abschluss des Opferrituals traf ein Trupp Soldaten im Aschram ein. Sie übergaben Vishvâmitra eine Einladung. Es handelte sich um eine persönliche Einladung König Janakas von Mithila. Er hatte solche Einladungen an alle Könige und Prinzen gesandt. Er forderte sie auf, sich im Heben von Shivas Bogen zu versuchen und dabei die Hand seiner Tochter Sîtâ zu gewinnen. Er bat darum, der große Weise möge bei diesem Treffen zugegen sein und seinen Segen geben. Vishvâmitra freute sich und berichtete Râma und Lakshmana mit großer Spannung von den Eigenschaften des gewaltigen Shiva-Bogens. Er sagte: „Söhne, ihr müsst kommen und den Bogen sehen. Auf der ganzen Welt kann es keinen zweiten seiner Art geben. Er ist ein Geschenk des Himmels. Dieser Bogen ist kein gewöhnlicher Bogen. Man muss ihn gesehen haben.“ In Râma und Lakshmana regte sich natürlich die Neugier den Bogen zu sehen. Doch behutsam erinnerte Râma den Weisen: „Meister, unser Vater hatte uns lediglich aufgetragen, mit Euch zu kommen, um das Opferritual zu schützen. Wir haben keine Anweisungen, nach Mithila zu gehen und den Bogen anzusehen. Wir können die Anweisungen unseres Vaters nicht übertreten.“ Vishvâmitra entgegnete: „Besagte der Auftrag eures Vaters nicht auch, dass ihr meinen Anweisungen folgen sollt? Somit müsst ihr meinen Anweisungen gehorchen!“ Hierzu konnten die Prinzen nur schweigen. Sie machten sich bereit, den Weisen auf die neue Reise zu begleiten.

Um des Wohlergehens dieses Landes willen müsst ihr bis ins kleinste Detail erkunden, mit welcher Feinfühligkeit, Korrektheit und Rechtschaffenheit Râma jede Situation behandelte. Er tötete alle Dämonen und schützte die Rechtschaffenen. In der Tat handelt es sich hier um kleine Ausschnitte eines göttlichen Meisterplans. Göttlicher Wille hatte bestimmt, dass Râma, Lakshmana, Bharata und Shatrughna geboren werden sollten, um die Dämonen zu vernichten.

Auch Lankinî, die Schutzgottheit von Lanka, hatte den Untergang der Dämonen vorausgesagt. Als Brahma Râvana (Dämonenkönig, der über Lanka herrschte) aufforderte, einen Wunsch zu äußern, bat der Dämon: „Mein Tod soll nicht durch die Götter, Yakshas (halbgöttliche Wesen), Dämonen, Kinchas oder Kimpurushas (schlechte Menschen) verursacht werden. Gewährt mir diese Bitte.“ Râma hatte scharfsinnig den fatalen Pferdefuss in diesem Wunsch erkannt. Der Name ‚Mensch’ fehlte nämlich in Râvanas Aufzählung! Aufgrund dieser Auslassung war Râvanas Tod von menschlicher Hand sicher. Folglich beschloss Lord Vishnu, als Mensch zu inkarnieren. Râma sprach daher zu Vishvâmitra: „Râvanas Tod durch meine Hand ist gewiss. Ihr müsst daher allen verkünden, dass Râma kommt und mit Gewissheit Râvana töten wird.“

In der gesamten Schöpfung übernimmt das Göttliche die Rolle der Lebenssubstanz. Râma gehörte der Sonnendynastie an, deren Schutzgottheit der Sonnengott war. Ohne die nährenden Strahlen der Sonne kann kein Leben auf der Erde gedeihen. Zu Anbeginn der Schöpfung vergingen erst einige Millionen Jahre, ehe das Licht heraufdämmerte. Bis dahin gab es nur Dunkelheit. Ebenso konnte nach Râmas Geburt die Sonne fünfzehn Tage lang nicht scheinen! Folglich blieb auch der Mond unsichtbar. Beide, die Sonne und der Mond, klagten, dass sie Râma, die göttliche Inkarnation, nicht erblicken konnten. Der Mondgott führte Bußübungen durch und bat darum, Râma schauen zu dürfen. Da erschien Râma vor dem Mondgott und sagte: „Ich weiß, dass du mich die ersten fünfzehn Tage nach meiner Geburt nicht sehen konntest. Ich gewähre dir hiermit eine Gnade. Bei meiner nächsten Inkarnation sollst du meinen ersten Darshan (Schauen einer göttlichen Inkarnation) erhalten - noch bevor irgendjemand sonst mich sehen kann.“ Und so traf es ein. Als er sich in Gestalt Krishnas um Mitternacht inkarnierte, als Vasudeva (Krishnas Vater) das Kind in die Sicherheit von Nandas (Krishnas Pflegevater) Haus trug, war es der Mond, der den ersten Darshan des göttlichen Kindes erhielt.

So gibt es etliche sublime, geheime und tiefe Lehren im Ramayana. Das Epos enthält weder Widersprüche noch Verwirrungen. Die Geschichte von Râma ist ewig und überaus lesenswert. Egal, wie oft man sie hört, nie wird der Wunsch gestillt, sie wieder und wieder zu hören. Diese heilige Geschichte kann nie in Vergessenheit geraten. Râmas göttliche Handlungen können niemals ignoriert werden. Alles, was er tat, war fest in der göttlichen Ordnung (Dharma) verankert. Alles, was er sprach, war einzig die Wahrheit. Einige Gelehrte haben in dieses heilige Epos verzerrende Deutungen eingeflochten und ihm damit eine unheilige Schattierung gegeben. Im Ramayana kann kein Raum für Verzerrungen und Entstellungen sein. Nicht einmal ein Quäntchen Unwahrheit und Falschheit kann Platz darin finden. Die ganze Geschichte ist von Anfang bis Ende die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Ewig, rein und klar.

Heute wollen wir den Vortrag mit den Ereignissen im Siddhashram beenden. Das Wesen von Râma, Lakshmana, Bharata und Shatrughna ist einzigartig und wunderbar. Der Weise Vasishtha beschrieb es mit folgenden Worten:

„Sie sind wahrlich wunderbar;
sie werden in allen drei Welten angebetet.
Sie sind dem Herzen so nahe,
sie sind jedermanns wahre Freunde.
Sie werden von den Weisen, Menschen,
Tieren und sogar von den Pflanzen verehrt.
Derart ist die Schönheit von Gott Vishnus Taten!“

Nur die Unwissenden sind blind für die innere Bedeutung der Taten des Herrn und missdeuten sie. Das verursacht Verwirrung und lenkt den Geist des wahren Suchenden von der heiligen Wahrheit ab. Die Geschichte von Gott Râma ist in höchstem Maße heilig. Nur wenn ihr die Geschichte in ihrer ganzen Fülle hört, könnt ihr die damit verbundene Heiligkeit und Erhabenheit verstehen.

(Übersetzung der gedruckten, vom Aschram herausgegebenen englischen Fassung)

(Das Copyright der deutschen Übersetzung liegt bei der Sathya Sai Vereinigung e.V. , Dietzenbach)


    

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